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2026-04-09 11:24:56 +02:00

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Zusammenfassung: Kryptographie

Vorlesung IT-Sicherheit Gerrit Kalkbrenner, HWR Berlin, 2026


1. Einführung

Kryptographie ist eine moderne, mathematisch geprägte Wissenschaft mit einer Geschichte von über 3.000 Jahren. Bekannte historische Beispiele sind das Babington-Komplott (1586), das Zimmermann-Telegramm (Erster Weltkrieg) und die Enigma-Entschlüsselung im Zweiten Weltkrieg. Heute ist Kryptographie allgegenwärtig in Mobilfunk, EC-Karten, SSL/TLS, Bitcoin, Wegfahrsperren und vielen weiteren Bereichen.

Wichtig: Kryptographie ≠ Sicherheit. Sie ist ein unverzichtbarer Baustein, aber kein vollständiger Ersatz für ein ganzheitliches Sicherheitskonzept.


2. Grundlagen der Verschlüsselung

Begriffe

  • Klartext (Plaintext): Die Originaldaten
  • Schlüsseltext / Chiffrat (Ciphertext): Die transformierten, unlesbaren Daten
  • Verschlüsselung / Entschlüsselung: Die mathematische Transformation und ihre Umkehrung

Kryptographisches System (6-Tupel)

Ein Kryptosystem wird formal als (M, C, KE, KD, E, D) beschrieben:

  • M = Klartextnachrichten, C = Kryptogramme
  • KE / KD = Verschlüsselungs-/Entschlüsselungsschlüssel
  • E / D = Ver-/Entschlüsselungsfunktion

Grundprinzip (Kerckhoffs-Prinzip): Der Algorithmus darf öffentlich bekannt sein die Sicherheit beruht allein auf der Geheimhaltung des Schlüssels.

Kryptoanalyse-Strategien

Angriffsart Beschreibung
Ciphertext-only Nur der Schlüsseltext ist bekannt
Known-plaintext Klartext-/Schlüsseltext-Paare verfügbar
Chosen-plaintext Angreifer kann beliebige Klartexte verschlüsseln
Brute Force Vollständige Schlüsselsuche (alle möglichen Schlüssel)
Statistische Methoden Häufigkeitsanalyse von Buchstaben/Wörtern
Trial & Error Reduktion des Schlüsselraums durch Teiltreffer

Sicherheitskategorien

  • Absolute Sicherheit: Theoretisch unmöglich zu brechen (nur mit Einmal-Schlüssel/OTP)
  • Praktische/Rechnerische Sicherheit: Brechen ist theoretisch möglich, aber praktisch nicht durchführbar

Schlüssellängen und Brute-Force-Aufwand (Annahme: 10⁹ Versuche/s):

Schlüssellänge (Bit) Aufwand (Jahre)
56 ~1,14
64 ~292
128 > 5 × 10²¹
256 > 10⁵⁹

Aufgrund steigender Rechenleistung und Quantencomputer ist alle 1015 Jahre ein Wechsel der Algorithmen notwendig (64 Bit → 128 Bit AES → 256 Bit AES).


3. Elementarverschlüsselungen

Einmal-Schlüssel (One-Time-Pad, OTP)

  • Absolut sicheres Verfahren
  • Schlüssel muss mindestens so lang wie die Nachricht sein
  • Klartext und Schlüssel werden bitweise XOR-verknüpft
  • Unpraktisch für den kommerziellen Einsatz (Schlüsselverteilungsproblem)

Monoalphabetische Substitution

  • Jedes Klartextzeichen wird durch ein festes anderes Zeichen ersetzt
  • Leicht durch Häufigkeitsanalyse zu brechen (z. B. E = 17,4 % in Deutsch)

Polyalphabetische Substitution (Vigenère)

  • Verwendet mehrere Alphabete, gesteuert durch einen Schlüssel
  • Verdeckt Häufigkeiten besser, aber bei langen Texten durch statistische Analyse angreifbar

Transpositionsverfahren

  • Zeichen des Klartextes werden nach fester Regel permutiert (vertauscht), nicht ersetzt
  • Beispiele: Zick-Zack-Verfahren, spartanische Skytale (500 v. Chr.)

4. Symmetrische Verschlüsselung (Private-Key)

Sender und Empfänger verwenden denselben geheimen Schlüssel. Nachteil: Bei n Teilnehmern werden n(n1)/2 Schlüssel benötigt (z. B. 66 Schlüssel bei 12 Teilnehmern).

Wichtige Algorithmen

Verfahren Schlüssellänge Status
DES 56 Bit Veraltet, nicht mehr sicher
Triple DES (3-Keys) 168 Bit Übergangsverfahren
IDEA 128 Bit Als stark betrachtet
RC2, RC4, RC5 variabel Teils veraltet
AES (Rijndael) 128 / 192 / 256 Bit Aktueller Standard

AES (Advanced Encryption Standard)

  • Entwickelt von Joan Daemen und Vincent Rijmen (patentfrei)
  • Blockgröße: 128, 192 oder 256 Bit; Schlüssellänge: 128, 192 oder 256 Bit
  • Anzahl der Runden: 10, 12 oder 14 (je nach Block-/Schlüssellänge)
  • Jede Runde besteht aus vier Transformationen:
    1. ByteSub nichtlineare Byte-Substitution (S-Box)
    2. ShiftRow zyklisches Verschieben der Zeilen
    3. MixColumn Spaltenmultiplikation über einem Galoisfeld
    4. AddRoundKey XOR-Verknüpfung mit dem Rundenschlüssel

Betriebsmodi

Modus Merkmal Einsatz
ECB Jeder Block unabhängig; identischer Klartext = identischer Schlüsseltext Nur für spezielle Anwendungen
CBC Verkettung mit Vorgängerblock; benötigt Initialisierungsvektor Allgemein
CFB Stromchiffre aus Blockchiffre; begrenzte Fehlerfortpflanzung; selbstsynchronisierend Zeichenorientierte Übertragung
OFB Keine Fehlerfortpflanzung; nicht selbstsynchronisierend Störungsanfällige Kanäle (z. B. Satellit)
CTR Parallelisierbar; wahlfreier Zugriff Massendaten (Festplatte, ZIP)
GCM Authenticated Encryption (AEAD); hoher Durchsatz TLS, IPSec, SSH, IEEE 802.11

5. Asymmetrische Verschlüsselung (Public-Key)

Grundidee

Jeder Teilnehmer besitzt ein Schlüsselpaar:

  • Öffentlicher Schlüssel (Public Key): Frei zugänglich, zum Verschlüsseln
  • Privater Schlüssel (Private Key): Geheim, zum Entschlüsseln

Der private Schlüssel ist aus dem öffentlichen Schlüssel nicht in vertretbarer Zeit ableitbar (basiert auf mathematisch schwer lösbaren Problemen sog. One-Way-Trapdoor-Funktionen).

RSA (Rivest, Shamir, Adleman, 1978)

  • Basiert auf der Schwierigkeit, das Produkt zweier großer Primzahlen zu faktorisieren
  • Nutzbar für Verschlüsselung, digitale Signatur und Schlüsselmanagement
  • Verschlüsselung: c = m^e mod n | Entschlüsselung: m = c^d mod n
  • Empfohlene Schlüssellänge: ≥ 2048 Bit (1024 Bit gilt heute als unsicher)

Digitale Signatur

  • Mit dem privaten Schlüssel signiert → mit dem öffentlichen Schlüssel verifizierbar
  • Entspricht einem digitalen Äquivalent zur handschriftlichen Unterschrift
  • Setzt eine Public-Key-Infrastruktur (PKI) mit Zertifizierungsstellen (Trustcenter) voraus

Diffie-Hellman (1976)

  • Erster Public-Key-Algorithmus; dient nur dem gesicherten Schlüsselaustausch
  • Keine direkte Verschlüsselung und keine Authentifizierung der Partner
  • Grundlage für hybride Verschlüsselungsverfahren

6. One-Way-Hashfunktionen

Grundlagen

Eine Hashfunktion H bildet eine beliebig lange Nachricht M auf einen Hashwert h fester Länge ab:

  • h = H(M) einfach zu berechnen
  • Umkehrung: praktisch unmöglich (M = f(h) ist nicht berechenbar)
  • Kollisionsresistenz: Es ist praktisch unmöglich, zwei verschiedene Nachrichten M und M' mit H(M) = H(M') zu finden

Geburtstagsproblem

Durch das Geburtstagsparadox genügen statistisch ~2^(n/2) Versuche, um eine Kollision bei einer n-Bit-Hashfunktion zu finden → Hashwerte sollten deutlich länger als Schlüssellängen symmetrischer Verfahren sein (mind. 160 Bit).

Wichtige Hashfunktionen

Algorithmus Hashwertlänge Status
MD5 128 Bit Veraltet nicht mehr verwenden!
SHA-1 160 Bit Veraltet
SHA-3 (Keccak) 224 / 256 / 384 / 512 Bit Aktueller NIST-Standard (seit 2012)
RIPEMD 160 Bit EU-Projekt RIPE (1992)

Message Authentication Code (MAC)

  • Hashfunktion mit geheimem Schlüssel → nur der Schlüsselinhaber kann den Hashwert verifizieren
  • Gewährleistet Authentizität (ohne Geheimhaltung des Inhalts)
  • CBC-MAC: Basiert auf AES/DES im CBC-Modus; weit verbreitet im Bankwesen
  • HMAC: Internet-Standard (RFC 2104), z. B. in IPSec; kombiniert Hashfunktion mit geheimem Schlüssel über XOR-Verknüpfungen mit ipad/opad

7. Zusammenfassung

  • Kryptographische Verfahren sind die Basis der meisten Sicherheitssysteme
  • Die Sicherheit hängt niemals von der Geheimhaltung des Algorithmus ab, sondern ausschließlich von der Geheimhaltung des privaten Schlüssels
  • Algorithmen sollten so gewählt werden, dass:
    • die Kosten des Brechens höher sind als der Wert der geschützten Informationen
    • der zeitliche Aufwand länger ist als das Interesse an den Informationen
  • Empfehlungen von Experten und Behörden beachten (in Deutschland: BSI, Bundesnetzagentur)

Weiterführende Ressourcen: