hwr-notes/IT-Sicherheit/Zusammenfassungen/itsec5 - zusammenfassung.md
2026-04-09 11:24:56 +02:00

202 lines
No EOL
8.4 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

# Zusammenfassung: Kryptographie
**Vorlesung IT-Sicherheit Gerrit Kalkbrenner, HWR Berlin, 2026**
---
## 1. Einführung
Kryptographie ist eine moderne, mathematisch geprägte Wissenschaft mit einer Geschichte von über 3.000 Jahren. Bekannte historische Beispiele sind das Babington-Komplott (1586), das Zimmermann-Telegramm (Erster Weltkrieg) und die Enigma-Entschlüsselung im Zweiten Weltkrieg. Heute ist Kryptographie allgegenwärtig in Mobilfunk, EC-Karten, SSL/TLS, Bitcoin, Wegfahrsperren und vielen weiteren Bereichen.
> **Wichtig:** Kryptographie ≠ Sicherheit. Sie ist ein unverzichtbarer Baustein, aber kein vollständiger Ersatz für ein ganzheitliches Sicherheitskonzept.
---
## 2. Grundlagen der Verschlüsselung
### Begriffe
- **Klartext (Plaintext):** Die Originaldaten
- **Schlüsseltext / Chiffrat (Ciphertext):** Die transformierten, unlesbaren Daten
- **Verschlüsselung / Entschlüsselung:** Die mathematische Transformation und ihre Umkehrung
### Kryptographisches System (6-Tupel)
Ein Kryptosystem wird formal als **(M, C, KE, KD, E, D)** beschrieben:
- M = Klartextnachrichten, C = Kryptogramme
- KE / KD = Verschlüsselungs-/Entschlüsselungsschlüssel
- E / D = Ver-/Entschlüsselungsfunktion
**Grundprinzip (Kerckhoffs-Prinzip):** Der Algorithmus darf öffentlich bekannt sein die Sicherheit beruht allein auf der Geheimhaltung des Schlüssels.
### Kryptoanalyse-Strategien
|Angriffsart|Beschreibung|
|---|---|
|**Ciphertext-only**|Nur der Schlüsseltext ist bekannt|
|**Known-plaintext**|Klartext-/Schlüsseltext-Paare verfügbar|
|**Chosen-plaintext**|Angreifer kann beliebige Klartexte verschlüsseln|
|**Brute Force**|Vollständige Schlüsselsuche (alle möglichen Schlüssel)|
|**Statistische Methoden**|Häufigkeitsanalyse von Buchstaben/Wörtern|
|**Trial & Error**|Reduktion des Schlüsselraums durch Teiltreffer|
### Sicherheitskategorien
- **Absolute Sicherheit:** Theoretisch unmöglich zu brechen (nur mit Einmal-Schlüssel/OTP)
- **Praktische/Rechnerische Sicherheit:** Brechen ist theoretisch möglich, aber praktisch nicht durchführbar
**Schlüssellängen und Brute-Force-Aufwand (Annahme: 10⁹ Versuche/s):**
|Schlüssellänge (Bit)|Aufwand (Jahre)|
|---|---|
|56|~1,14|
|64|~292|
|128|> 5 × 10²¹|
|256|> 10⁵⁹|
Aufgrund steigender Rechenleistung und Quantencomputer ist alle **1015 Jahre** ein Wechsel der Algorithmen notwendig (64 Bit → 128 Bit AES → 256 Bit AES).
---
## 3. Elementarverschlüsselungen
### Einmal-Schlüssel (One-Time-Pad, OTP)
- Absolut sicheres Verfahren
- Schlüssel muss mindestens so lang wie die Nachricht sein
- Klartext und Schlüssel werden bitweise XOR-verknüpft
- Unpraktisch für den kommerziellen Einsatz (Schlüsselverteilungsproblem)
### Monoalphabetische Substitution
- Jedes Klartextzeichen wird durch ein festes anderes Zeichen ersetzt
- Leicht durch **Häufigkeitsanalyse** zu brechen (z. B. E = 17,4 % in Deutsch)
### Polyalphabetische Substitution (Vigenère)
- Verwendet mehrere Alphabete, gesteuert durch einen Schlüssel
- Verdeckt Häufigkeiten besser, aber bei langen Texten durch statistische Analyse angreifbar
### Transpositionsverfahren
- Zeichen des Klartextes werden nach fester Regel permutiert (vertauscht), nicht ersetzt
- Beispiele: Zick-Zack-Verfahren, spartanische Skytale (500 v. Chr.)
---
## 4. Symmetrische Verschlüsselung (Private-Key)
Sender und Empfänger verwenden denselben geheimen Schlüssel. Nachteil: Bei _n_ Teilnehmern werden **n(n1)/2** Schlüssel benötigt (z. B. 66 Schlüssel bei 12 Teilnehmern).
### Wichtige Algorithmen
|Verfahren|Schlüssellänge|Status|
|---|---|---|
|DES|56 Bit|Veraltet, nicht mehr sicher|
|Triple DES (3-Keys)|168 Bit|Übergangsverfahren|
|IDEA|128 Bit|Als stark betrachtet|
|RC2, RC4, RC5|variabel|Teils veraltet|
|**AES (Rijndael)**|128 / 192 / 256 Bit|Aktueller Standard|
### AES (Advanced Encryption Standard)
- Entwickelt von Joan Daemen und Vincent Rijmen (patentfrei)
- Blockgröße: 128, 192 oder 256 Bit; Schlüssellänge: 128, 192 oder 256 Bit
- Anzahl der Runden: 10, 12 oder 14 (je nach Block-/Schlüssellänge)
- Jede Runde besteht aus vier Transformationen:
1. **ByteSub** nichtlineare Byte-Substitution (S-Box)
2. **ShiftRow** zyklisches Verschieben der Zeilen
3. **MixColumn** Spaltenmultiplikation über einem Galoisfeld
4. **AddRoundKey** XOR-Verknüpfung mit dem Rundenschlüssel
### Betriebsmodi
|Modus|Merkmal|Einsatz|
|---|---|---|
|**ECB**|Jeder Block unabhängig; identischer Klartext = identischer Schlüsseltext|Nur für spezielle Anwendungen|
|**CBC**|Verkettung mit Vorgängerblock; benötigt Initialisierungsvektor|Allgemein|
|**CFB**|Stromchiffre aus Blockchiffre; begrenzte Fehlerfortpflanzung; selbstsynchronisierend|Zeichenorientierte Übertragung|
|**OFB**|Keine Fehlerfortpflanzung; nicht selbstsynchronisierend|Störungsanfällige Kanäle (z. B. Satellit)|
|**CTR**|Parallelisierbar; wahlfreier Zugriff|Massendaten (Festplatte, ZIP)|
|**GCM**|Authenticated Encryption (AEAD); hoher Durchsatz|TLS, IPSec, SSH, IEEE 802.11|
---
## 5. Asymmetrische Verschlüsselung (Public-Key)
### Grundidee
Jeder Teilnehmer besitzt ein Schlüsselpaar:
- **Öffentlicher Schlüssel (Public Key):** Frei zugänglich, zum Verschlüsseln
- **Privater Schlüssel (Private Key):** Geheim, zum Entschlüsseln
Der private Schlüssel ist aus dem öffentlichen Schlüssel **nicht in vertretbarer Zeit ableitbar** (basiert auf mathematisch schwer lösbaren Problemen sog. **One-Way-Trapdoor-Funktionen**).
### RSA (Rivest, Shamir, Adleman, 1978)
- Basiert auf der Schwierigkeit, das Produkt zweier großer Primzahlen zu faktorisieren
- Nutzbar für Verschlüsselung, digitale Signatur und Schlüsselmanagement
- Verschlüsselung: `c = m^e mod n` | Entschlüsselung: `m = c^d mod n`
- Empfohlene Schlüssellänge: ≥ 2048 Bit (1024 Bit gilt heute als unsicher)
### Digitale Signatur
- Mit dem **privaten Schlüssel** signiert → mit dem **öffentlichen Schlüssel** verifizierbar
- Entspricht einem digitalen Äquivalent zur handschriftlichen Unterschrift
- Setzt eine **Public-Key-Infrastruktur (PKI)** mit Zertifizierungsstellen (Trustcenter) voraus
### Diffie-Hellman (1976)
- Erster Public-Key-Algorithmus; dient **nur** dem gesicherten Schlüsselaustausch
- Keine direkte Verschlüsselung und keine Authentifizierung der Partner
- Grundlage für hybride Verschlüsselungsverfahren
---
## 6. One-Way-Hashfunktionen
### Grundlagen
Eine Hashfunktion H bildet eine beliebig lange Nachricht M auf einen **Hashwert h fester Länge** ab:
- `h = H(M)` einfach zu berechnen
- Umkehrung: praktisch unmöglich (`M = f(h)` ist nicht berechenbar)
- **Kollisionsresistenz:** Es ist praktisch unmöglich, zwei verschiedene Nachrichten M und M' mit `H(M) = H(M')` zu finden
### Geburtstagsproblem
Durch das Geburtstagsparadox genügen statistisch ~2^(n/2) Versuche, um eine Kollision bei einer n-Bit-Hashfunktion zu finden → Hashwerte sollten deutlich länger als Schlüssellängen symmetrischer Verfahren sein (mind. 160 Bit).
### Wichtige Hashfunktionen
|Algorithmus|Hashwertlänge|Status|
|---|---|---|
|MD5|128 Bit|Veraltet nicht mehr verwenden!|
|SHA-1|160 Bit|Veraltet|
|SHA-3 (Keccak)|224 / 256 / 384 / 512 Bit|Aktueller NIST-Standard (seit 2012)|
|RIPEMD|160 Bit|EU-Projekt RIPE (1992)|
### Message Authentication Code (MAC)
- Hashfunktion **mit geheimem Schlüssel** → nur der Schlüsselinhaber kann den Hashwert verifizieren
- Gewährleistet **Authentizität** (ohne Geheimhaltung des Inhalts)
- **CBC-MAC:** Basiert auf AES/DES im CBC-Modus; weit verbreitet im Bankwesen
- **HMAC:** Internet-Standard (RFC 2104), z. B. in IPSec; kombiniert Hashfunktion mit geheimem Schlüssel über XOR-Verknüpfungen mit ipad/opad
---
## 7. Zusammenfassung
- Kryptographische Verfahren sind die **Basis der meisten Sicherheitssysteme**
- Die Sicherheit hängt **niemals** von der Geheimhaltung des Algorithmus ab, sondern **ausschließlich** von der Geheimhaltung des privaten Schlüssels
- Algorithmen sollten so gewählt werden, dass:
- die **Kosten des Brechens** höher sind als der Wert der geschützten Informationen
- der **zeitliche Aufwand** länger ist als das Interesse an den Informationen
- Empfehlungen von Experten und Behörden beachten (in Deutschland: **BSI**, **Bundesnetzagentur**)
**Weiterführende Ressourcen:**
- [www.bsi.de](https://www.bsi.de)
- [www.bundesnetzagentur.de](https://www.bundesnetzagentur.de)
- [www.cryptool.de](https://www.cryptool.de)