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2026-04-09 11:24:56 +02:00

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# Zusammenfassung: Kryptographie
**Vorlesung IT-Sicherheit Gerrit Kalkbrenner, HWR Berlin, 2026** _Erweitert mit aktuellen Informationen und Diagrammen_
---
## 1. Einführung
Kryptographie ist eine moderne, mathematisch geprägte Wissenschaft mit einer Geschichte von über 3.000 Jahren. Bekannte historische Beispiele sind das Babington-Komplott (1586), das Zimmermann-Telegramm (Erster Weltkrieg) und die Enigma-Entschlüsselung im Zweiten Weltkrieg. Heute ist Kryptographie allgegenwärtig in Mobilfunk, EC-Karten, SSL/TLS, Bitcoin, Wegfahrsperren und vielen weiteren Bereichen.
> **Wichtig:** Kryptographie ≠ Sicherheit. Sie ist ein unverzichtbarer Baustein, aber kein vollständiger Ersatz für ein ganzheitliches Sicherheitskonzept. _(Quelle: Bart Preneel, „Cryptographic Algorithms and Protocols for Network Security", 2008)_
---
## 2. Grundlagen der Verschlüsselung
### Begriffe
|Begriff|Bedeutung|
|---|---|
|**Klartext** (Plaintext)|Die Originaldaten|
|**Schlüsseltext / Chiffrat** (Ciphertext)|Die transformierten, unlesbaren Daten|
|**Verschlüsselung**|Die mathematische Transformation|
|**Entschlüsselung**|Die Umkehrung der Transformation|
|**Kryptoanalyse**|Analyse eines Kryptosystems zur Bewertung seiner Stärke|
|**Steganographie**|Verbergen der _Existenz_ einer Information (z. B. digitale Wasserzeichen)|
### Kryptographisches System (6-Tupel)
Ein Kryptosystem wird formal als **(M, C, K_E, K_D, E, D)** beschrieben:
```
Klartext m ──► [ Verschlüsselung E(m, ke) ] ──► Chiffrat c
Schlüssel ke
Chiffrat c ──► [ Entschlüsselung D(c, kd) ] ──► Klartext m
Schlüssel kd
Bedingung: D( E(m, ke), kd ) = m
```
**Kerckhoffs-Prinzip:** Der Algorithmus darf öffentlich bekannt sein die Sicherheit beruht allein auf der Geheimhaltung des Schlüssels. Ein Verschlüsselungsverfahren sollte mindestens **5 Jahre öffentlich diskutiert** werden, bevor es eingesetzt wird.
### Kryptoanalyse-Strategien
|Angriffsart|Was der Angreifer kennt|Stärke|
|---|---|---|
|**Ciphertext-only**|Nur den Schlüsseltext|Schwächster Angriff|
|**Known-plaintext**|Klartext-/Schlüsseltext-Paare|Mittel|
|**Chosen-plaintext**|Kann beliebige Klartexte verschlüsseln|Stärkster Angriff|
|**Brute Force**|Alle Schlüssel werden durchprobiert|Immer möglich|
|**Statistische Analyse**|Buchstaben-/Worthäufigkeiten im Chiffretext|Gegen schwache Verfahren|
|**Trial & Error**|Eingeschränkte Schlüsselräume (z. B. nur Wörter)|Gegen schlechte Schlüssel|
> **Rainbow Tables** ermöglichen vorberechnete Brute-Force-Angriffe Qualität der Schlüsselgenerierung ist entscheidend!
### Sicherheitskategorien und Schlüssellängen
- **Absolute Sicherheit:** Theoretisch unmöglich zu brechen (nur mit One-Time-Pad, OTP)
- **Praktische/Rechnerische Sicherheit:** Theoretisch brechbar, aber der Aufwand ist prohibitiv hoch
**Brute-Force-Aufwand bei 10⁹ Versuchen/Sekunde:**
```
Schlüssellänge │ Mögliche Schlüssel │ Aufwand (Jahre)
───────────────┼────────────────────┼──────────────────────
8 Bit │ 256 │ < 0,000001
40 Bit │ ~1,1 × 10¹² │ 0,00002
56 Bit │ ~7,2 × 10¹⁶ │ ~1,14 ← DES (veraltet!)
64 Bit │ ~1,8 × 10¹⁹ │ ~292
128 Bit │ ~3,4 × 10³⁸ │ > 5 × 10²¹ ← AES-128
256 Bit │ ~1,2 × 10⁷⁷ │ > 10⁵⁹ ← AES-256
```
> Aufgrund steigender Rechenleistung (und Quantencomputer) ist alle **1015 Jahre** ein Algorithmenwechsel notwendig: DES 56 Bit (1977) → AES 128 Bit (2001) → AES 256 Bit (empfohlen für die nächsten ~20 Jahre)
>
> _Quelle: BSI TR-02102-1, Version 2026-01 [bsi.bund.de](https://www.bsi.bund.de/SharedDocs/Downloads/EN/BSI/Publications/TechGuidelines/TG02102/BSI-TR-02102-1.pdf)_
---
## 3. Elementarverschlüsselungen
### Einmal-Schlüssel (One-Time-Pad, OTP)
```
Klartext: K R Y P T O L O G I E
↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓
Schlüssel: (zufällig, gleiche Länge, nur einmal verwenden!)
↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ XOR (mod 2)
Chiffrat: ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ?
```
- Das einzig **absolut sichere** Verfahren (mathematisch beweisbar Shannon 1949)
- Schlüssel muss mindestens so lang wie die Nachricht sein
- Schlüssel darf **niemals wiederverwendet** werden
- Wurde für den „Heißen Draht" WashingtonMoskau genutzt
- Im kommerziellen Einsatz unpraktisch (Schlüsselverteilungsproblem)
### Monoalphabetische Substitution
```
Klartext: A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓
Chiffre: G W X V L O A K U B C N D R M F H Y P Q T Z E I J S
Beispiel: KRYPTOLOGIE → CYJFQMNMAUL
```
Jedes Zeichen wird durch ein **festes** anderes ersetzt. Leicht durch **Häufigkeitsanalyse** zu brechen:
```
Häufigkeit in Deutsch (Auszug):
E: 17,4% ████████████████████
N: 9,8% ███████████
I: 7,6% ████████
S: 7,3% ████████
R: 7,0% ███████
A: 6,5% ███████
...
```
### Polyalphabetische Substitution (Vigenère)
```
Klartext: K R Y P T O L O G I E
Schlüssel: 5 3 2 5 3 2 5 3 2 5 3 (wird wiederholt)
↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓ ↓
Chiffrat: O T Z T V P P Q H M G
```
Verwendet mehrere Alphabete (gesteuert durch einen Schlüssel). Verdeckt Häufigkeitsverteilungen besser als monoalphabetische Substitution, aber bei langen Texten durch Kasiski-Test und statistische Analyse brechbar.
### Transpositionsverfahren
```
Zick-Zack (Tiefe 5), Klartext: L-A-B-O-R-F-Ü-R-V-E-R-T-E-I-L-T-E-S-Y-S-T-E-M-E
L R L E
A Ü - I T T M
B F V E E S E
O - E T - Y
R R S
→ Schlüsseltext: LRLE AÜ-IT TM BFVEESEД0-ET-Y-NRRSU
```
Die Zeichen werden **permutiert** (vertauscht), nicht ersetzt. Historisches Beispiel: Spartanische Skytale (~500 v. Chr.)
---
## 4. Symmetrische Verschlüsselung (Private-Key)
Sender und Empfänger verwenden **denselben geheimen Schlüssel**.
```
Geheimer Schlüssel K
│ │
▼ ▼
Alice ──[m]──► [ E_K ] ──[c]──► [ D_K ] ──[m]──► Bob
Verschlüsseln Entschlüsseln
```
**Schlüsselverwaltungsproblem:** Bei _n_ Teilnehmern werden **n(n1)/2** Schlüssel benötigt:
- 12 Partner → 66 Schlüssel
- 100 Partner → 4.950 Schlüssel
- 1.000 Partner → 499.500 Schlüssel
### Überblick: Symmetrische Algorithmen
|Verfahren|Schlüssellänge|Blockgröße|Status|
|---|---|---|---|
|DES|56 Bit|64 Bit|❌ Veraltet (1998 in 22h gebrochen)|
|Triple-DES (2 Keys)|112 Bit|64 Bit|⚠️ Auslaufend|
|Triple-DES (3 Keys)|168 Bit|64 Bit|⚠️ Auslaufend|
|IDEA|128 Bit|64 Bit|✅ Als stark betrachtet|
|RC4|variabel|Strom|❌ Veraltet (gebrochen)|
|Blowfish|variabel|64 Bit|⚠️ Nicht mehr empfohlen|
|**AES-128**|**128 Bit**|**128 Bit**|✅ **Aktueller Standard**|
|**AES-256**|**256 Bit**|**128 Bit**|✅ **Empfohlen für Langzeitschutz**|
### AES (Advanced Encryption Standard) Aufbau einer Runde
Entwickelt von Joan Daemen und Vincent Rijmen als „Rijndael", 2001 als FIPS 197 standardisiert. **Patentfrei**.
**Rundenanzahl nach Schlüssel- und Blocklänge:**
```
Schlüssellänge │ 128 Bit │ 192 Bit │ 256 Bit
───────────────┼─────────┼─────────┼─────────
128 Bit │ 10 │ 12 │ 14
192 Bit │ 12 │ 12 │ 14
256 Bit │ 14 │ 14 │ 14
```
**Jede Runde in 4 Schritten (der interne Zustand ist eine 4×4-Byte-Matrix):**
```
┌──────────────────────────────────────────────────────────┐
│ Runde i │
│ │
│ [4×4 Byte-Matrix] │
│ │ │
│ ▼ │
│ 1. SubBytes Jedes Byte durch S-Box ersetzen │
│ (nichtlinear, basiert auf Galoisfeld GF(2⁸)) │
│ │ │
│ ▼ │
│ 2. ShiftRows Zeilen zyklisch verschieben │
│ Zeile 0: keine Verschiebung │
│ Zeile 1: 1 Byte nach links │
│ Zeile 2: 2 Bytes nach links │
│ Zeile 3: 3 Bytes nach links │
│ │ │
│ ▼ │
│ 3. MixColumns Spalten mit fester MDS-Matrix │
│ multiplizieren (Diffusion, Galoisfeld GF(2⁸)) │
│ [entfällt in der letzten Runde!] │
│ │ │
│ ▼ │
│ 4. AddRoundKey XOR mit Rundenschlüssel │
│ (aus Key-Schedule erzeugt) │
└──────────────────────────────────────────────────────────┘
```
> **Warum ist AES sicher?** SubBytes + MixColumns liefern **Konfusion und Diffusion** (Shannon): Ein einzelnes geändertes Eingabebit beeinflusst nach 2 Runden statistisch alle 128 Ausgabebits (Lawineneffekt). _Quelle: NIST FIPS 197 [csrc.nist.gov](https://csrc.nist.gov/pubs/fips/197/final)_
### AES-Betriebsmodi im Vergleich
```
ECB (Electronic Codebook) NICHT empfohlen!
┌─────┐ ┌─────┐ ┌─────┐
│ P₁ │ │ P₂ │ │ P₃ │ ← gleiche Blöcke
└──┬──┘ └──┬──┘ └──┬──┘
│E(K) │E(K) │E(K) ← gleicher Schlüssel
└──┴──┘ └──┴──┘ └──┴──┘
│ C₁ │ │ C₂ │ │ C₃ │ ← gleiche Chiffrate! Muster sichtbar
└─────┘ └─────┘ └─────┘
CBC (Cipher Block Chaining) Verkettung
IV──►XOR◄──────────────────────────────
│P₁ ┌──►XOR◄──────────────
▼ │ │P₂ ┌──►XOR
E(K)────►C₁┘ ▼ │ │P₃
E(K)────►C₂──┘ ▼
E(K)────►C₃
GCM (Galois/Counter Mode) Authenticated Encryption
Counter: CTR₀ CTR₁ CTR₂ CTR₃ ← Zähler, eindeutig pro Nachricht
│E(K) │E(K) │E(K) │E(K)
▼ ▼ ▼ ▼
Auth XOR XOR XOR XOR
tag P₁►C₁ P₂►C₂ P₃►C₃
└────GHASH────────► Auth-Tag
(Integrität + Vertraulichkeit in einem Schritt)
```
**Modus-Empfehlungen laut BSI TR-02102-1 (2026-01):**
|Modus|Vertraulichkeit|Integrität|BSI-Status|Einsatz|
|---|---|---|---|---|
|ECB|⚠️ Schwach|❌|❌ Nicht empfohlen||
|CBC|✅|❌ nur mit MAC|⚠️ Mit HMAC|Ältere Systeme|
|CFB|✅|❌ nur mit MAC|⚠️ Mit HMAC|Zeichenorientiert|
|OFB|✅|❌ nur mit MAC|⚠️ Mit HMAC|Fehleranfällige Kanäle|
|CTR|✅|❌ nur mit MAC|⚠️ Mit HMAC|Massendaten, ZIP|
|**GCM**|✅|✅ **(AEAD)**|✅ **Bevorzugt**|TLS, IPSec, SSH|
_Quelle: BSI TR-02102-1 [bsi.bund.de](https://www.bsi.bund.de/SharedDocs/Downloads/EN/BSI/Publications/TechGuidelines/TG02102/BSI-TR-02102-1.pdf)_
---
## 5. Asymmetrische Verschlüsselung (Public-Key)
### Grundidee: Das Briefkasten-Prinzip
```
Öffentlicher Schlüssel (frei verfügbar)
Alice ──[m]──► [ E_pub(B) ] ──[c]──► Bob ──► [ D_priv(B) ] ──[m]►
Nur Bob kennt seinen privaten Schlüssel!
Schlüsselproblem: n Partner → nur n Schlüsselpaare (statt n(n-1)/2)
```
Der private Schlüssel ist aus dem öffentlichen **nicht in vertretbarer Zeit ableitbar** basiert auf mathematisch schwer lösbaren Problemen (**One-Way-Trapdoor-Funktionen**).
### Digitale Signatur
```
Signieren (Sender Alice): Verifizieren (Empfänger Bob):
Dokument ──► Hash ──► h Dokument ──► Hash ──► h'
│ │
priv(A) ▼ pub(A) ▼
E(h) = Signatur ──────────► D(Sig) = h''
Gültig wenn: h' == h''
```
- Entspricht einem digitalen Äquivalent zur handschriftlichen Unterschrift
- Setzt eine **Public-Key-Infrastruktur (PKI)** mit Zertifizierungsstellen (CA/Trustcenter) voraus
### RSA (Rivest, Shamir, Adleman, 1978)
**Schlüsselgenerierung:**
```
1. Wähle zwei große Primzahlen p und q
2. Berechne: n = p × q (Modulus)
3. Berechne: φ(n) = (p-1)(q-1)
4. Wähle e mit: ggT(e, φ(n)) = 1 (öffentlicher Exponent, oft 65537)
5. Berechne d mit: e × d ≡ 1 (mod φ(n)) (privater Exponent)
Öffentlicher Schlüssel: (e, n)
Privater Schlüssel: (d, n)
```
**Ver- und Entschlüsselung:**
```
Verschlüsseln: c = mᵉ mod n
Entschlüsseln: m = cᵈ mod n
Beispiel (vereinfacht, p=61, q=53, n=3233, e=17, d=2753):
m = 123 → c = 123¹⁷ mod 3233 = 855
c = 855 → m = 855²⁷⁵³ mod 3233 = 123 ✓
```
**Sicherheit basiert auf:** Schwierigkeit der Primfaktorzerlegung großer Zahlen.
**Aktuelle Schlüssellängen-Empfehlungen (20242026):**
```
Schlüssellänge │ Symmetr. Äquivalenz │ BSI │ NIST
───────────────┼─────────────────────┼──────────────┼──────────────
1024 Bit │ ~80 Bit │ ❌ Verboten │ ❌ Seit 2013
2048 Bit │ ~112 Bit │ ⚠️ bis 2026 │ ⚠️ bis 2030
3000 Bit │ ~128 Bit │ ✅ Minimum │ ✅ ab 2030
4096 Bit │ ~140 Bit │ ✅ Empfohlen │ ✅ Empfohlen
```
_Quelle: BSI TR-02102-1 (2026-01) [bsi.bund.de](https://www.bsi.bund.de/SharedDocs/Downloads/EN/BSI/Publications/TechGuidelines/TG02102/BSI-TR-02102-1.pdf)_
### Diffie-Hellman Schlüsselaustausch (1976)
Ermöglicht zwei Parteien, über einen **unsicheren Kanal** ein gemeinsames Geheimnis zu vereinbaren ohne es vorher ausgetauscht zu haben.
```
Öffentlich bekannt: Primzahl p, Generator g
Alice Bob
───── ───
Wählt geheimes a Wählt geheimes b
A = gᵃ mod p ────────────────────►
◄─────────────────── B = gᵇ mod p
K = Bᵃ mod p = gᵃᵇ mod p K = Aᵇ mod p = gᵃᵇ mod p
└────── Gemeinsames Geheimnis K ──────┘
Lauscher sieht: g, p, A, B → kann K NICHT effizient berechnen
(Diskretes-Logarithmusproblem)
```
**ECDH (Elliptic Curve Diffie-Hellman):** Gleiches Prinzip auf elliptischen Kurven gleiche Sicherheit bei **viel kleineren Schlüsseln** (256-Bit ECDH ≈ 3072-Bit klassisches DH). In TLS 1.3 ist **ECDHE** (ephemeral) der Standard für den Schlüsselaustausch neue Schlüssel pro Sitzung garantieren **Perfect Forward Secrecy**.
### Hybridverschlüsselung in der Praxis (TLS 1.3)
In der Praxis werden symmetrische und asymmetrische Verfahren kombiniert:
```
TLS 1.3 Handshake (vereinfacht):
Client Server
────── ──────
1. ClientHello ──────────────────►
(ECDHE Public Key,
unterstützte Cipher Suites)
2. ◄─────────────── ServerHello
(ECDHE Public Key,
gewählte Cipher Suite,
Zertifikat + Signatur)
3. Beide berechnen: gemeinsames Geheimnis via ECDHE
→ Sitzungsschlüssel für AES-GCM (symmetrisch)
4. Alle weiteren Daten: AES-256-GCM (schnell, AEAD)
Asymmetrisch (langsam) → nur für Schlüsselaustausch + Authentifizierung
Symmetrisch (schnell) → für alle Nutzdaten
```
_Quelle: Cloudflare Blog zu RFC 8446 [blog.cloudflare.com](https://blog.cloudflare.com/rfc-8446-aka-tls-1-3/)_
---
## 6. One-Way-Hashfunktionen
### Grundprinzip
```
Beliebig langer Input M Fester kurzer Output h
──────────────────────► H(M) ──────────────────────►
"Hamlet" (200.000 Zeichen) a89de23fede8... (256 Bit)
"Hamiet" (1 Buchstabe anders) 38fe38aa9c2d... (256 Bit, komplett anders!)
└── Lawineneffekt
```
**Drei Sicherheitseigenschaften:**
1. **Einwegfunktion:** `h = H(M)` leicht berechnen; aus `h` das `M` finden praktisch unmöglich
2. **Zweites Urbild:** Zu gegebenem `M` kein anderes `M'` finden mit `H(M) = H(M')`
3. **Kollisionsresistenz:** Kein beliebiges Paar `(M, M')` mit `H(M) = H(M')` finden
### Das Geburtstagsparadox
```
Wie viele Menschen braucht man, damit 2 am gleichen Tag
Geburtstag haben (p > 50%)?
→ Nur 23 Menschen! (bei 365 Tagen)
Übertragen auf Hashfunktionen:
Bei n-Bit-Hashwert genügen ~2^(n/2) Versuche für eine Kollision.
Beispiel: 60-Bit-Hash → nur 2³⁰ ≈ 10⁹ Versuche!
→ Hashwerte müssen länger als symmetrische Schlüssel sein
(Faustregel: mindestens 2× die gewünschte Sicherheit in Bit)
```
### Wichtige Hashfunktionen
|Algorithmus|Hashwert|Konstruktion|Status|
|---|---|---|---|
|MD5|128 Bit|Merkle-Damgård|❌ Gebrochen (Kollisionen in Sekunden)|
|SHA-1|160 Bit|Merkle-Damgård|❌ Gebrochen (SHAttered 2017, ~63 USD/GPU)|
|**SHA-256**|**256 Bit**|Merkle-Damgård|✅ **Standard**|
|**SHA-512**|**512 Bit**|Merkle-Damgård|✅ **Standard**|
|**SHA3-256**|**256 Bit**|Keccak/Sponge|✅ **Empfohlen (FIPS 202)**|
|RIPEMD-160|160 Bit|Merkle-Damgård|⚠️ Nur noch in Bitcoin|
> **Warum SHA-1 gebrochen ist:** Google und CWI Amsterdam erzeugten 2017 zwei verschiedene PDF-Dateien mit **identischem SHA-1-Hash** (SHAttered-Angriff). SHA-1 ist für alle Sicherheitsanwendungen verboten. _Quelle: [shattered.io](https://shattered.io)_
> **SHA-256 vs. SHA3-256:** SHA-256 basiert auf der Merkle-Damgård-Konstruktion (anfällig für Length-Extension-Angriffe ohne HMAC); SHA-3/Keccak nutzt die **Sponge-Konstruktion** und ist immun dagegen. Beide sind aktuell sicher und vom BSI empfohlen. _Quelle: NIST FIPS 202 [csrc.nist.gov](https://csrc.nist.gov/pubs/fips/202/final)_
### Message Authentication Code (MAC)
```
Normale Hashfunktion: MAC (Keyed Hash):
H(M) → jeder kann prüfen HMAC(K, M) → nur Schlüsselinhaber kann prüfen
HMAC-Konstruktion (RFC 2104):
HMAC(K, M) = H( (K ⊕ opad) ‖ H( (K ⊕ ipad) ‖ M ) )
ipad = 0x36363636... (Schlüssellänge)
opad = 0x5C5C5C5C... (Schlüssellänge)
```
- **CBC-MAC:** Letzter Block einer CBC-Verschlüsselung als Prüfsumme Standard im Bankwesen
- **HMAC:** Internet-Standard RFC 2104, z. B. in IPSec, TLS (für ältere Modi), SSH
---
## 7. Aktueller Stand & Ausblick: Post-Quanten-Kryptographie
> **Neu ab 2024 nicht Teil der Vorlesung, aber prüfungsrelevant für die Praxis!**
### Die Quantenbedrohung
```
Klassische Computer:
Brute Force RSA-2048 → ~300 Billionen Jahre
Quantencomputer (Shors Algorithmus):
RSA-2048 brechen → Stunden bis Tage
(benötigt ~1 Mio. logische Qubits noch nicht erreicht)
Auswirkung:
RSA, ECDSA, ECDH, DH → VOLLSTÄNDIG GEBROCHEN durch Shor
AES-128 → ~64 Bit Sicherheit (Grover-Algorithmus)
AES-256 → ~128 Bit Sicherheit ✅ weiterhin sicher
SHA-256 → ~128 Bit Sicherheit ✅ weiterhin sicher
```
### NIST Post-Quanten-Standards (August 2024)
Im **August 2024** veröffentlichte NIST die ersten drei finalisierten Post-Quanten-Standards:
|Standard|Algorithmus|Typ|Mathematisches Problem|
|---|---|---|---|
|**FIPS 203**|ML-KEM (Kyber)|Schlüsselkapselung|Module-LWE (Gitter)|
|**FIPS 204**|ML-DSA (Dilithium)|Digitale Signatur|Module-LWE (Gitter)|
|**FIPS 205**|SLH-DSA (SPHINCS+)|Digitale Signatur|Hashfunktionen|
_Quelle: NIST [nist.gov](https://www.nist.gov/news-events/news/2024/08/nist-releases-first-3-finalized-post-quantum-encryption-standards)_
### BSI-Strategie: Hybrid ist Pflicht
Das BSI verfolgt einen konservativeren Ansatz als NIST: **PQC-Verfahren müssen mit klassischen Verfahren kombiniert werden** (Hybridmodus), bis ausreichend Vertrauen aufgebaut ist.
```
Hybride Verschlüsselung (BSI-Empfehlung):
Schlüsselkapselung: ECDH (P-256) + ML-KEM-768
└────────────────────► kombiniertes Geheimnis
→ AES-256-GCM
Signatur: ECDSA (P-256) + ML-DSA-65
(beide Signaturen werden erstellt und verifiziert)
```
**Migrationsfristen laut BSI TR-02102-1 (2026-01):**
```
Heute (2026) 2030 2032 2035
│ │ │ │
▼ ▼ ▼ ▼
─────────────────────────────────────────────────────────────
Klassische Verfahren ████████
(RSA, ECDH) allein ████████████████████████
Hybride Verfahren ████████████████████
(PQC + klassisch) ████████████████████████████████████
Reine PQC-Verfahren ████████████████████████
Kritische Infrastruktur muss bis 2030 migriert sein!
```
_Quelle: BSI TR-02102-1 Version 2026-01 [bsi.bund.de](https://www.bsi.bund.de/SharedDocs/Downloads/EN/BSI/Publications/TechGuidelines/TG02102/BSI-TR-02102-1.pdf)_
> **„Harvest Now, Decrypt Later" (HNDL):** Staatliche Akteure speichern heute bereits verschlüsselte Kommunikation, um sie nach Verfügbarkeit eines Quantencomputers zu entschlüsseln. Daten mit **langfristiger Vertraulichkeitsanforderung müssen JETZT** mit PQC geschützt werden!
---
## 8. Zusammenfassung
```
Kryptographie-Überblick:
ELEMENTAR SYMMETRISCH ASYMMETRISCH HASH
─────────── ─────────── ──────────── ────
OTP (absolut AES-256-GCM ✅ RSA ≥ 3000 Bit ✅ SHA-256 ✅
sicher, aber (BSI-Empfehlung) ECDH (P-256/ SHA3-256 ✅
unpraktisch) X25519) ✅
DES ❌ MD5 ❌
Substitution RC4 ❌ RSA-1024 ❌ SHA-1 ❌
(historisch) Triple-DES ⚠️
Transposition ► Hybridverschlüsselung
(historisch) in TLS 1.3, IPSec, ...
ZUKUNFT: Post-Quanten-Kryptographie
ML-KEM + ECDH (hybrid) ✅ (BSI ab 2026 empfohlen)
```
**Kernprinzipien der Vorlesung:**
- Die Sicherheit hängt **niemals** von der Geheimhaltung des Algorithmus ab, sondern **ausschließlich** von der Geheimhaltung des privaten Schlüssels
- Kosten des Brechens müssen **höher** sein als der Wert der geschützten Information
- Zeitaufwand zum Knacken muss **länger** sein als das Interesse an der Information
- Empfehlungen nationaler Behörden beachten (BSI, NIST) und alle **1015 Jahre** Algorithmen überprüfen
---
## Weiterführende Ressourcen
|Ressource|Link|
|---|---|
|BSI Technische Richtlinien (TR-02102)|[bsi.bund.de](https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Unternehmen-und-Organisationen/Standards-und-Zertifizierung/Technische-Richtlinien/TR-nach-Thema-sortiert/tr02102/tr02102_node.html)|
|NIST Kryptographie-Standards|[csrc.nist.gov](https://csrc.nist.gov/projects/cryptographic-standards-and-guidelines)|
|NIST Post-Quanten-Standards|[nist.gov/pqc](https://www.nist.gov/news-events/news/2024/08/nist-releases-first-3-finalized-post-quantum-encryption-standards)|
|CrypTool (interaktives Lerntool)|[cryptool.de](https://www.cryptool.de)|
|Bundesnetzagentur|[bundesnetzagentur.de](https://www.bundesnetzagentur.de)|
|SHAttered (SHA-1 gebrochen)|[shattered.io](https://shattered.io)|
|TLS 1.3 erklärt (Cloudflare)|[blog.cloudflare.com](https://blog.cloudflare.com/rfc-8446-aka-tls-1-3/)|