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2026-04-09 11:24:56 +02:00

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Datenforensik

1. Grundlagen der Datenforensik

1.1 Definition

Datenforensik (auch IT-Forensik oder digitale Forensik) ist die systematische Untersuchung von IT-Systemen zur:

  • Feststellung eines Tatbestandes
  • Identifizierung von Tätern
  • Rekonstruktion eines Vorfalls
  • gerichtsfesten Sicherung digitaler Beweise

Sie ist ein interdisziplinäres Feld aus:

  • Informatik
  • Netzwerktechnik
  • Betriebssystemtechnik
  • Recht
  • Kriminalistik

1.2 Zielsetzung

Zentrale Ziele einer forensischen Untersuchung:

  • 🔎 Rekonstruktion des Tathergangs
  • 👤 Identifikation beteiligter Personen
  • Bestimmung des Tatzeitraums (Timeline)
  • 📦 Ermittlung des Schadensumfangs
  • Gerichtsfeste Beweisführung

2. Arten von Computerkriminalität

2.1 Klassische Delikte mit IT-Bezug

  • Betrug
  • Erpressung
  • Urheberrechtsverletzung
  • Geheimnisverrat
  • Verbreitung illegaler Inhalte

2.2 Computerkriminalität im engeren Sinne

  • Ausspähen von Daten
  • Abfangen von Daten
  • Computerbetrug
  • Datenveränderung
  • Computersabotage
  • Fälschung beweiserheblicher Daten

3. Motivation von Tätern

  • 💰 finanzielle Interessen
  • 🧠 technische Neugier
  • 🧨 Rache oder Frustration
  • 🏛 politische Motivation
  • 🌍 staatlich organisierte Spionage

4. Forensischer Untersuchungsprozess

Die Untersuchung erfolgt strukturiert und nachvollziehbar.

4.1 Standardprozess (SAP-Modell)

  1. Identifizierung
  2. Sicherstellung (Secure)
  3. Analyse
  4. Präsentation

5. Phase 1: Identifizierung

Ziel: Feststellung, ob ein Sicherheitsvorfall vorliegt.

Aufgaben:

  • Dokumentation der vorgefundenen Situation
  • Bestandsaufnahme betroffener Systeme
  • Identifikation relevanter Datenquellen:
    • Log-Dateien
    • Server
    • Endgeräte
    • Netzwerkgeräte
    • Cloud-Systeme

Leitfragen:

  • Wer hatte Zugriff?
  • Wann trat der Vorfall auf?
  • Welche Systeme sind betroffen?

6. Phase 2: Sicherstellung von Beweisen

6.1 Grundprinzipien

  • Minimale Veränderung der Originaldaten
  • Lückenlose Dokumentation (Chain of Custody)
  • Erstellung forensischer Kopien
  • Sicherung der Integrität durch Hash-Werte

6.2 Forensisches Duplikat

  • Bitweise 1:1-Kopie eines Datenträgers
  • Keine logische Kopie!
  • Einsatz von Write-Blockern
  • Dokumentation von:
    • Datum
    • Uhrzeit
    • beteiligte Personen
    • verwendete Tools

6.3 Integritätsnachweis

  • Bildung kryptographischer Hash-Werte (z. B. SHA-256)
  • Vergleich vor und nach Analyse
  • Sicherstellung der Unverändertheit

7. Flüchtige vs. nicht-flüchtige Daten

7.1 Flüchtige Daten (RAM)

Vor Abschalten sichern:

  • angemeldete Benutzer
  • laufende Prozesse
  • Netzwerkverbindungen
  • offene Dateien
  • gespeicherte Schlüssel im Speicher

Problem: Ein einfaches Ausschalten zerstört diese Beweise.

7.2 Nicht-flüchtige Daten

  • Festplatten
  • SSD
  • USB-Sticks
  • Smartphones
  • Cloud-Speicher

8. Live-Response vs. Offline-Analyse

8.1 Live-Response

Analyse eines laufenden Systems.

Vorteile:

  • Sicherung flüchtiger Daten
  • Erkennung von Rootkits

Risiken:

  • Veränderung des Systems
  • Manipulation durch Schadsoftware

8.2 Offline-Analyse

  • Untersuchung auf separatem Analyse-System
  • Arbeit mit forensischem Image
  • bevorzugte Methode bei gerichtlichen Verfahren

9. Phase 3: Forensische Analyse

9.1 Anforderungen an den Analysten

  • tiefgehende OS-Kenntnisse
  • Verständnis von Dateisystemen
  • Netzwerkforensik
  • Kenntnisse aktueller Angriffstechniken
  • Improvisationsfähigkeit

9.2 Analysebereiche

Dateisystemanalyse

  • gelöschte Dateien
  • versteckte Dateien
  • Zeitstempelanalyse (MAC-Times)

Log-Analyse

  • Authentifizierungsversuche
  • Administratorzugriffe
  • ungewöhnliche Aktivitäten

Netzwerkforensik

  • Analyse von Netzwerkverkehr
  • Rekonstruktion von Datenströmen
  • Identifikation externer Verbindungen

Malware-Analyse

  • statische Analyse
  • dynamische Analyse
  • Reverse Engineering

10. Timeline-Erstellung

Erstellung einer chronologischen Ereigniskette:

  • Login-Zeiten
  • Dateiänderungen
  • Prozessstarts
  • Netzwerkverbindungen

Ziel: Rekonstruktion des exakten Tathergangs.


11. Phase 4: Aufbereitung und Präsentation

11.1 Berichtserstellung

Ein forensischer Bericht enthält:

  • Beschreibung des Vorfalls
  • angewandte Methoden
  • verwendete Werkzeuge
  • Analyseergebnisse
  • Schlussfolgerungen

11.2 Gerichtsfeste Präsentation

Erforderlich:

  • Nachvollziehbarkeit
  • Reproduzierbarkeit
  • Beweiskette
  • Integritätsnachweise

Beweise müssen:

  • unverändert
  • dokumentiert
  • überprüfbar sein

12. Incident Response vs. Forensik

Incident Response

  • schnelle Wiederherstellung des Betriebs
  • Schadensbegrenzung
  • Schließen von Sicherheitslücken

Forensik

  • Täterermittlung
  • gerichtliche Verwertung
  • langfristige Ursachenanalyse

13. Beweiskette (Chain of Custody)

Dokumentiert:

  • Wer hatte wann Zugriff?
  • Wo wurde das Beweismittel aufbewahrt?
  • Welche Maßnahmen wurden durchgeführt?

Fehlende Dokumentation kann Beweise unbrauchbar machen.


14. Typische Fehler bei der Spurensicherung

  • vorschnelles Abschalten des Systems
  • Arbeiten auf dem Originalsystem
  • fehlende Hash-Werte
  • unvollständige Dokumentation
  • Vermischung von Incident Response und Forensik

15. Moderne Herausforderungen

  • Verschlüsselte Datenträger
  • Cloud-Umgebungen
  • Container und virtuelle Maschinen
  • Smartphones
  • flüchtige Malware im RAM
  • Anti-Forensik-Techniken

16. Gesamtbedeutung

Datenforensik ist:

  • technisch anspruchsvoll
  • rechtlich sensibel
  • organisatorisch komplex

Sie bildet die Grundlage für:

  • Strafverfolgung
  • interne Ermittlungen
  • Compliance-Prüfungen
  • IT-Sicherheitsverbesserungen

In modernen IT-Infrastrukturen ist sie ein zentraler Bestandteil professioneller Sicherheitsarchitekturen.