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2026-04-09 11:24:56 +02:00

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IT2221 Netzwerktechnik Vorlesung 7: MPLS VPNs & Segment Routing

Dozentin: Gabriele Schrenk | Datum: 01.04.2026
Klausur: Mo., 4. Mai 2026, 14:0016:00 Uhr, Räume 6B.369 und 6B.371


0. Fehlerszenarien nächste Woche Labor

  • PC bekommt keine IP Adresse
  • PC erreicht einen bestimmten anderen PC nicht
  • Mögliche Fehler:
    • OSPF-Nachbarschaft/Routing
    • BGP Redistribution
    • Interfaces falsch eingestellt (MTU Size, Adressen....)
    • Und verschiedene andere Fehler

Troubleshooting_Netz

1. Troubleshooting Methodology

Strukturiertes Vorgehen bei Netzwerkproblemen (z.B. PC bekommt keine IP, PC erreicht anderes Gerät nicht):

  1. Problem definieren Was genau funktioniert nicht?
  2. Informationen sammeln show-Befehle ausführen
  3. Daten analysieren Routingtabellen, Nachbarzustände prüfen
  4. Hypothese formulieren Welche OSI-Schicht ist betroffen?
  5. Hypothese testen Paketmitschnitte (PCAPs) auswerten
  6. Korrektur implementieren
  7. Überprüfen & dokumentieren

Typische Fehlerquellen im Labor: OSPF-Nachbarschaft, BGP-Redistribution, falsche MTU/Adressen an Interfaces.


2. VPNs über MPLS Grundidee

Ziel: Mehrere Unternehmensstandorte über einen gemeinsamen Provider-Backbone verbinden, dabei aber voneinander isoliert halten.

Anforderungen (Wunschliste):

  • Nutzung des bestehenden SP-Backbones
  • Überlappende Adressräume erlaubt (verschiedene Kunden dürfen gleiche IPs nutzen)
  • Datentrennung zwischen VPNs
  • Skalierung, QoS, einfache Verwaltung

3. VPN-Klassifizierung (RFC 4026 PPVPN)

PPVPN
├── Layer 2
│   ├── P2P → VPWS (Virtual Private Wire Service)
│   └── M2M → VPLS (Virtual Private LAN Service)
└── Layer 3
    ├── PE-based
    │   ├── BGP/MPLS IP VPNs
    │   └── Virtual Router
    └── CE-based
        └── IPsec

4. Grundbegriffe: AC, Pseudowire, Tunnel LSP

Attachment Circuit (AC)

Physischer oder logischer Anschluss zwischen Kundengerät (CE) und Provider-Edge-Router (PE). Kann sein: Ethernet-Port, VLAN, PPP, MPLS LSP, etc.

[CE-Gerät] ---AC--- [PE-Gerät] --- Service Provider Network

Pseudowire (PW)

Ein virtueller „Draht" durch das Provider-Netz, der L2-Daten von einem AC zu einem anderen transportiert.

  • Nur den beiden Endpunkt-PEs bekannt
  • Wird über einen Tunnel (LSP) transportiert, der allen Routern (LSRs) dazwischen bekannt ist
  • Pro Richtung ein unidirektionaler Tunnel → ein PW = 2 LSPs

Tunnel LSP Label Stacking

Mehrere Pseudowires zwischen zwei PEs werden in einem Tunnel aggregiert:

  • Äußeres Label = Tunnel LSP (für P-Router sichtbar, sorgt für Transport)
  • Inneres Label = Pseudowire LSP (nur PEs kennen es)

P-Router schauen nur auf das äußere Label und leiten entsprechend weiter sie kennen die VPN-Details nicht.


5. Layer-2-Dienste: VPWS und VPLS

VPWS Virtual Private Wire Service

  • Point-to-Point: genau ein AC ↔ genau ein PW
  • Transparente L2-Verbindung zwischen zwei Standorten
  • MPLS definiert Labelverteilung und Kapselung
  • Einsatz von LDP (Targeted Mode) oder MP-BGP zur Signalisierung

Forwarding-Beispiel (VPWS):

Ein PE empfängt einen VLAN1-Frame vom Kunden. Er schlägt in seiner FEC-Tabelle nach und findet: VLAN1 → Out-Label 24, Next-Hop 1.1.1.1. Zusätzlich drückt er ein Transport-Label (z.B. 16) obendrauf. Der Transit-Router (LSR) sieht nur das Transport-Label und leitet weiter. Der Egress-PE entfernt das äußere Label, erkennt anhand des inneren Labels (24) die Ziel-Schnittstelle und sendet den Frame an den Kunden.

VPWS Protection Auslöser für Umschaltung auf Standby-PW:

  • Manueller Eingriff (Precedence-Wert ändern)
  • Statusänderung des PW
  • Ausfall des aktiven PW
  • Benachrichtigung vom Remote-Peer (via T-LDP Notification Message)

VPLS Virtual Private LAN Service

  • Multipoint-to-Multipoint: mehrere Standorte agieren wie in einem gemeinsamen Ethernet-LAN
  • Jeder PE enthält ein Switch-Modul mit einem emulierten LAN (MAC-Learning, Flooding)
  • Standorte tauschen Ethernet-Frames direkt aus, als wären sie physisch im selben LAN

Architektur:

[Kunde CE] --AC--> [PE: VPLS Forwarder + Emulated LAN Interface]
                         <------ VPLS PW ------>
                                              [PE] --AC--> [Kunde CE]

Skalierungsproblem: Bei N Standorten braucht man N(N-1)/2 Pseudowires* (Vollvermaschung). Bei vielen Standorten entstehen viele States und viel Broadcast-Traffic.

Lösung: Hierarchisches VPLS (H-VPLS)

PE-Router werden in zwei Ebenen aufgeteilt:

Ebene Gerät Aufgabe
Kern Hub-PE Vollvermaschung zwischen Hubs
Rand Spoke-PE / MTU-s Aggregiert Kundenports zu einer einzigen Spoke-PW zum Hub
  • Neue Verbindung nur zwischen Spoke und Hub, kein direktes Mesh zwischen allen Spokes
  • Vorteile: Weniger PWs, weniger Broadcast-Replikation, bessere Skalierbarkeit

Multi-Tenant Unit (MTU-s): Gerät (Router, Switch oder Gateway), das viele Kundenports aggregiert und eine einzige Spoke-PW zum nächsten PE aufbaut.

Dual Homed MTUs: MTU ist an zwei PEs angebunden → Redundanz bei Ausfall einer Verbindung.

VPLS Auto-Discovery (RFC 4761): PE-Router erkennen automatisch andere PEs derselben VPLS-Domäne via MP-BGP, ohne manuelle Konfiguration jedes einzelnen Pseudowires.

VPLS Protection: Backup-LSPs werden über T-LDP aufgebaut; Überwachung via BFD (Bidirectional Forwarding Detection).

VPLS und MTU-Größen:

Pakettyp L2 MTU
Normales MPLS-Paket 1504
Ethernet over VPLS 1508
VLAN over VPLS 1526

VPLS fügt zusätzliche Header ein (MPLS-Label + VPLS-Label), was die MTU erhöht. Alle Geräte im Pfad müssen diese größeren Frames unterstützen.


6. Layer-3-VPNs: BGP/MPLS IP VPNs (RFC 4364)

Motivation

  • Kunden nutzen private IP-Adressen (RFC 1918) → können sich überschneiden
  • Provider übernimmt das Routing → Kunde muss sich nicht darum kümmern
  • MPLS-Backbone ist für den Kunden transparent

Beteiligte Geräte

Gerät Aufgabe
CE (Customer Edge) Kundenrouter, kennt nur seine eigene Seite
PE (Provider Edge) Kennt VPN-Routen; verwaltet VRFs; stellt MPLS-Pfade auf
P (Provider Core) Reine Transitknoten; kennen keine VPNs, nur MPLS-Labels

VRF VPN Routing and Forwarding Table

Jeder PE führt separate Routing-Tabellen pro Kunde (VRF). Diese werden via MP-BGP zwischen den PEs ausgetauscht.

Problem: BGP kann normalerweise nur eine Route pro IP-Präfix installieren aber verschiedene Kunden können dieselben Adressen haben.

Lösung: Route Distinguisher (RD)


Route Distinguisher (RD)

Ein 8-Byte-Präfix, der jeder VPN-Route vorangestellt wird, um sie global eindeutig zu machen:

[Type 2B] [Administrator 2-4B] [Assigned Number 2-4B] + [IPv4-Adresse 8B] = 12 Bytes

Beispiele:

RD: 65000:101       (AS-Nummer : zugewiesene Nummer)
RD: 10.0.0.1:1001  (IP-Adresse : zugewiesene Nummer)
RD: 1000000:10

Ergebnis: Aus 192.168.1.10 wird die VPNv4-Adresse 65000:1:192.168.1.10 → global eindeutig, kein Konflikt trotz Adressüberlappung.

Wichtig: Der RD macht Adressen nur eindeutig. Er steuert nicht, welche Routen wohin verteilt werden das macht der Route Target.


Route Target (RT)

Ein BGP Extended Community Attribut (RFC 4360), das steuert, welche Routen in welches VRF importiert/exportiert werden.

Jede VRF hat:

  • Export Target: welcher RT wird angefügt, wenn eine Route exportiert wird
  • Import Target: welche eingehenden Routen werden in diese VRF installiert

Ablauf 3-Schritt-Beispiel:

Schritt 1 Export:

PE an VPN1-Site1 empfängt eine IPv4-Route vom CE. Er konvertiert sie zu VPN-IPv4 und hängt RT1 und RT4 an (laut Export-Policy: VRF VPN1 Export = RT1, RT4). Die Route wird an alle PEs verteilt.

Schritt 2 Import rechts:

Der rechte PE empfängt die Route mit RT1 und RT4 und vergleicht sie mit seinen VRF-Import-Listen:

VRF Import-Liste RT1 Match? RT4 Match? Ergebnis
VPN1 RT1, RT4 Route installiert → weiter zu Sites 4, 5
VPN2 RT1, RT2 Route installiert → weiter zu Site 3

Schritt 3 Import links:

Der linke PE vergleicht ebenfalls:

VRF Import-Liste Ergebnis
VPN2 RT1, RT2 RT1 matcht → Route zu Site 2
VPN3 RT3 kein Match → Route ignoriert

Merkhilfe: RD = macht Adressen eindeutig. RT = steuert Routenverteilung (wer darf was sehen).


Site of Origin (SoO)

Optionales Attribut, das die CE-PE-Verbindung identifiziert. Verhindert Routing-Schleifen bei Multi-Homed CEs (CE an mehrere PEs angebunden).


Datenweiterleitnung: Label Stacking

CE1 ---> PE1 ---> P1 ---> P2 ---> PE2 ---> CE2

Schritt 1 PE1 (Ingress): Empfängt normales IP-Paket von CE1, sucht in der VRF (Longest Prefix Match), findet iBGP-Next-Hop PE2 und drückt zwei Labels auf das Paket:

[ Transport-Label | VPN-Label | IP-Paket ]
  • VPN-Label (innen): identifiziert die Ziel-VRF bei PE2
  • Transport-Label (außen): für den Weg durch den Core zu PE2

Schritt 2 P-Router: Leiten nur anhand des Transport-Labels weiter kein VPN-Wissen nötig.

Schritt 3 PE2 (Egress): Entfernt das Transport-Label, liest das VPN-Label, findet die richtige VRF, leitet das IP-Paket an CE2 weiter.

Penultimate Hop Popping (PHP)

Optimierung: Der vorletzte Router (P2) entfernt bereits das Transport-Label, sodass PE2 nur noch das VPN-Label sieht und nur einen einzigen Lookup machen muss statt zwei. PE2 hat dies vorher via LDP beim vorherigen Hop angefordert.

PE1      P1          P2           PE2
[TL|VL|IP] --> [TL|VL|IP] --> [VL|IP] --> [IP]
                         ^ PHP: TL wird hier entfernt

Inter-AS VPN

Wenn VPN-Standorte über mehrere Autonomous Systems (verschiedene Provider) verbunden sind:

Option Beschreibung Label-Austausch
A ASBRs führen VRFs; behandeln sich gegenseitig als CE Kein Label-Austausch zwischen ASBRs
B ASBRs tauschen VPN-Routen via MP-eBGP aus MP-eBGP + Label zwischen ASBRs
C Nur PE-Loopback-Adressen und Label-Bindings via eBGP; PEs kommunizieren direkt eBGP + Label für Transport; MP-iBGP PE ↔ ASBR

BGP/MPLS L3 VPN Vor- und Nachteile

Vorteile Nachteile
Skalierbare VPN-Architektur Komplex für Provider zu betreiben
SP oder Kunde kann VPN verwalten Kunde hat keine vollständige WAN-Routing-Kontrolle
Vereinfachtes WAN-Routing für Kunden Nur IP-Verkehr unterstützt
QoS/SLA pro VPN möglich (mit MPLS TE) BGP konvergiert langsam (Abhilfe: BFD)
Hohe Verfügbarkeit via MPLS FRR

7. Segment Routing (SR)

Grundprinzip: Source Routing

Beim klassischen MPLS berechnet jeder Router Hop-by-Hop den Weg. Bei Segment Routing legt der Ingress-Router (erster Router) den gesamten Pfad fest und codiert ihn als geordnete Liste von Segmenten im Paket.

Segment: Eine Anweisung für den Router, z.B. „Sende zu Knoten X über den kürzesten Pfad". Segmente werden als SIDs (Segment Identifiers) dargestellt.

SR ist Data Plane Agnostic: funktioniert über MPLS oder IPv6, kombiniert mit IGP (IS-IS, OSPF) oder BGP.


Vergleich Classic MPLS vs. Segment Routing

Classic MPLS Segment Routing
Pfadaufbau LDP / RSVP-TE (separates Protokoll) IGP/BGP (integriert)
Control Plane Komplex (IGP + LDP + RSVP-TE) Vereinfacht (nur IGP/BGP)
State im Core Pro LSP/Flow Nur am Ingress
Traffic Engineering Manuelle TE-LSPs via RSVP-TE Automatisch über Segmentlisten

IGP Segment-Typen

Node/Prefix SID (global)

  • Global gültig in der gesamten SR-Domäne jeder Router versteht dieselbe SID gleich
  • Pakete werden zum Zielknoten über den kürzesten IGP-Pfad weitergeleitet (normales SPF-Routing)
  • Wird als Index angekündigt → tatsächliches Label = SRGB-Basiswert + Index
Beispiel:
  SRGB = 1600023999
  Node-SID Index = 41
  → Verwendetes MPLS-Label = 16041

Adjacency SID (lokal)

  • Nur auf dem vergebenden Knoten lokal gültig andere Router verwenden diese SID nicht
  • Leitet das Paket explizit über eine bestimmte Nachbarverbindung weiter (echtes Source Routing)
  • Wird als absoluter Wert angekündigt (kein Index, direkt das Label)
Beispiel:
  Adjacency SID = 9107
  → Paket wird zwingend über genau diesen Link weitergeleitet

SR Vorteile

Control Plane Vereinfachung:

  • Weniger Protokolle, weniger Abhängigkeiten
  • Automatischer Traffic-Schutz ohne per-Flow-Signalisierung

Traffic Engineering:

  • Kein manuelles Konfigurieren von TE-LSPs nötig
  • Pfade werden automatisch berechnet oder von einem Controller (z.B. via PCEP) vorgegeben
  • Kein State pro Flow im Kernnetz

Software-Defined Networking:

  • Hybrider Ansatz zwischen zentralisierter und verteilter Control Plane
  • Controller kann Pfade/Policies über Southbound-Schnittstellen (z.B. PCEP) vorgeben
  • Keine komplette Neukonstruktion des Netzes nötig

IETF Standards für Segment Routing

Standard Beschreibung
RFC 8402 SR Architektur
RFC 9256 SR Use Cases
RFC 8660 SR über MPLS (SR-MPLS)
RFC 9886 SR über IPv6 (SRv6)

Relevante IETF Working Groups: SPRING, PCE, IDR, 6MAN


Prüfungsinfo

Termin Mo., 4. Mai 2026, 14:0016:00 Uhr
Räume 6B.369 (inkl. Nachteilsausgleich) und 6B.371
Betreuer Schrenk und Albaradie
Format Klausur (keine praktische Prüfung, außer IT25-Jahrgang)
IT25 Kombinierte Prüfung: Klausur (K) + Laborausarbeitung (L)